Architektur Israel

Der neue Zentrale Busbahnhof in Tel Aviv – Die Odyssee des weißen Elefanten

Copyright Aviram Valdman

Israel ist regelmässig in den Medien, der Palästinakonflikt, Selbstmordattentate oder Geschlechtertrennung. Ein weniger bekanntes Konfliktthema Israels, ist der mit wenig Rosen umschmückte Neue Zentrale Busbahnhof in Tel Aviv.

Der Neue Zentrale Busbahnhof in Tel Aviv gilt als eine „Stadt unter einem Dach“ – auf der einen Seite, für ein Gebäude dieser Art typisch: ein dreckiger, stinkender, deprimierender Traum aus Beton, zeitgleich aber auch farbenreich und voller Leben. Voller Gegensätze findet sich hier ein bunter Mischmasch von Händlern, Reisenden, Fremdarbeitern und Flüchtlingen.

Der 4. Stock – auch „Manila Avenue“ genannt, bietet alles mögliche – Tattooläden, eine Israelisch-Philipino Partnervermittlung, Synagogen, Kinos, Friseure – einschließlich einer beeindruckend großen jüdischen Bücherei.

© Ldorfman, 2008, Wikimedia Creative Commons Lizenz

Bis 2010 war der Neue Zentrale Busbahnhof 20 Jahre lang die größte Busstation der Welt, in einer Stadt mit gerade mal 400.000 Einwohnern. Es ist unmöglich sich hier nicht zu verlaufen, und wenn man die Geschichte dieses Baues genauer betrachtet, finden sich hier die einzelnen Phasen des Staates Israel wieder. Unabhängigkeit, Nachkriegseuphorie, Rezession, Verwestlichung, Wellen von Europäisch-Afrikanischen Immigranten – die Geschichte des Neuen Zentralen Busbahnhofs ist die Geschichte Israels.

Heute ist ein Großteil der Geschäfte geschlossen, viele Fensterscheiben mit Zeitungen blickdicht verklebt. Unter Nichtraucherschildern wird kräftigt gepafft und der Tabakrauch mischt sich mit dem Gestank von Dieselabgasen und Schweiß.

„Tachana Merkazit“, so der israelische Name des Bahnhofs, ist vom Architekten Ram Karmi schon als Labyrinth auf dem Reißbrett entstanden.

Er meinte: „Eine gute Stadt ist eine, in der man sich verlieren kann“ und frühe Entwürfe des Gebäudes zeigen geschwungene Linien und riesige Oberlichter unter dem Dach. Heutzutage ist das vollendete Bauwerk aber voll von verschlungenen, teils dunklen Wegen – die Hälfte unterhalb der Strassenebene.

Image by Aviram Valdman

© Aviram Valdman

Im Untergrund liegt ein geschlossenes Kino wie ein dunkler Vergnügungspark mit seinen 6 Sälen und so prunkreichen Namen wie „Gandhi“, „Everest“ oder „John Wayne“. Das Kino ist immer noch in einem guten Zustand, an der Wand hängen noch Filmposter von Titanic und Pulp Fiction. Die Idee war, dass Reisende sich während der Wartezeit auf einen Bus hier einen Film ansehen können, was aber in der Realität nie passiert ist, und so schloss das Kino nur ein paar Jahre nach seiner Eröffnung. Der Neue Zentrale Busbahnhof eröffnete im Sommer 1993. Nach 30 Jahren der Planung sackte die Station aber nach wenigen Jahren in den Schmuddel ab.


Alles begann mit einem Orangenhain

Wir gehen zurück in die Zeit nach dem Israelischen Unabhängigkeitskrieg im Jahre 1948. Hier stand, auf arabischem Land, ein Orangenhain und man stand vor der Entscheidung die alte Busstation Tel Aviv’s zu renovieren oder abzureissen. Der Enterpreneur Aryeh Pilz kaufte das Gelände mit dem Orangenhain und plante einen neuen Busbahnhof. Dieser Bahnhof sollte, in einer Nachkriegseuphorie geschwängerten Stimmung, durch gekaufte (nicht gepachtete!) Parzellen von privaten Ladeninhabern in einer Einkaufscenter ähnlichen Gesamtstruktur, die größte Busstation der Welt werden. So beauftragte Aryeh Pilz den Architekten Ram Karmi mit dem Bau einer Busstation wie sie die Welt noch nicht gesehen hatte – in einem Land mit damals nur 2 Millionen Einwohnern klingt das nach einer wahnwitzigen Idee.

Der Neue Zentrale Busbahnhof sollte Busstationen auf den unteren Etagen haben, darüber Apartments, Hotels und im Gebäudezentrum auf dem Dach ein Park. Die beiden rivalisierenden Busunternehmen Dan und Egged wollten sich die Ebenen nicht teilen, und so bekam Dan im 1. Stock, und Egged über eine Rampe im 6. Stockwerk, Platz für ihre Busse. Die Idee war Reisende in einem Strom durch das Gebäude zu schleusen. Aryeh Pilz’s Vorhaben wurde immer teurer, und so musste er immer mehr Parzellen verkaufen, was die Baugröße immer mehr anschwellen lies. Der 6. Entwurf, eingereicht im November 1967, war dann der finale Plan, mit 8 Ebenen und 230.000m² Gesamtfläche. Somit sollte der Neue Zentrale Busbahnhof größer als die Grand Central Station in New York werden.

Roi Boshi, 2011, Creative Commons Lizenz

Zufahrtsstraße zu den Busplattformen. © Roi Boshi, 2011, Wikimedia Creative Commons Lizenz

Die Hausbesitzer der Nachbarschaft begannen gegen die Bauvorhaben zu demonstrieren. Die Angst, dass der ohnehin niedrige Wert ihrer Immobilien durch den Busbahnhof noch weiter sinken werde, war zu groß. Am 14. Dezember 1967 wurde allem zum Trotz der Eckstein gelegt – ein großer Staat braucht eine große Busstation. Aryeh Pilz bot im Ausland lebenden Juden bezahlte Reisen nach Israel an, mit einem finalen Besuch der neuen Busstation (noch bevor es die staatlich geförderten „Geburtsrecht“ Reisen nach Israel gab). Der Plan ging auf – hunderte kauften Parzellen in einem kosmopolitischen Einkaufszentrum in dem die ganze Welt durchkommen würde.

Mit dem Jom-Kippur-Krieg 1973 folgte eine Rezession. Eine Baustoffknappheit für Beton, Probleme mit Arbeiterunionen und das steigende Staatsdefizit, ließen Aryeh Pilz dann 1976 Bankrott gehen. Die Konstruktion des Neuen Zentralen Busbahnhofs wurde angehalten, obwohl dieser fast fertig war – ein massives, weißes Skelett in der Mitte der Stadt. Die nächsten 12 Jahre stand der Bahnhof leer, außer einer riesigen Kolonie von Fledermäusen und illegalen Raves und Rockkonzerten fand hier kein Leben statt.

Roi Boshi, 2008, Creative Commons Lizenz

© Roi Boshi, 2008, Wikimedia Creative Commons Lizenz

1983 kaufte Mordechai Yona dann das Projekt, um das Vorhaben fertig zu stellen. Um Geld für die Investition zurück zu bekommen, musste Yona weitere neue Parzellen verkaufen. Das Gesamtprojekt wuchs somit planlos auf das doppelte des zugelassenen und bewilligten Gebäudeareals an, was den Neuen Zentralen Busbahnhof zum größten Bauverstoß des Landes machte. Der Transportminister hielt aber sein Wort und im Sommer 1993 wurde der Bahnhof eröffnet. Alles was Rang und Namen hatte war anwesend, auch der ursprüngliche Architekt Ram Karmi, der zu dem Zeitpunkt das erste und letzte mal einen Fuß in das Gebäude setzte. Ironischer Weise wurde bei der Eröffnung ein gigantischer Ballon in den Himmel freigelassen – in Form eines weissen Elefanten.

Mordechai Yona brachte es nie fertig alle Parzellen zu verkaufen, und so stehen heute von 1500 Gebäudeflächen gerade mal 600 offen. In der Busstation ist heute nun teilweise weniger Leben als auf einem Friedhof. Die fehlende Klimaanlage und allgemeiner Gestank taten in der Vergangenheit ihr übriges als 2002 dann die Grundebene wegen exzessiver Luftverschmutzung geschlossen wurde und das Busunternehmen Dan neben Egged auf die 6. und 7. Ebene ziehen musste. Da nun die Busplattformen alle oben waren, ging das Gesamtkonzept des verteilten Stromes der Reisenden überhaupt nicht mehr auf, und die unteren Ebenen wurden zu Geisterstädten. Mordechai Yona ging ebenfalls bankrott. Ursprünglich rechnete man mit 1 Million Besuchern pro Tag, heute sind es gerade mal 50.000 Leute täglich, nur 5% der ursprünglichen Annahme.

Aviram Valdman / The Tower

© Aviram Valdman

Eine überdachte Stadt ist im Grunde nicht falsch, dunkle und helle Orte, interessante und furchteinflössende Ecken, alles koexistiert, da es einem im Grunde an nichts fehlt: Es gibt eine Post, Einkaufsläden, ein Reisebüro, einen Zahnarzt, Anwälte, Synagogen, Schuh- und Bekleidungsgeschäfte, Kindergärten, einen Atomkrieg sicheren Bunker – man hat die ganze Welt dort drinnen. Und was macht man heute mit dem Projekt, 50 Jahre nachdem Aryeh Pilz die Idee hatte?

Vielleicht vererben Parzellenbesitzer irgendwann mal ihren Besitz an die nächste Generation wenn der Neue Zentrale Busbahnhof ein modernes Soho wird.


Ein Großteil der Areale sind leider nicht öffentlich zugänglich. Dieser Artikel verwendet deshalb Bilder die, wenn nicht anders erwähnt, nur mit dem ausdrücklichen Einverständnis des Urheberrechtehalters in diesem Artikel veröffentlicht werden durften.

Ein besonderes Dankeschön geht hier an den Fotografen Aviram Valdman, ohne Ihn wäre dieser Artikel nicht möglich gewesen.

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11 Kommentare

  • Antworten
    Anita
    20. August 2018 an 21:03

    Hallo!
    Wow, das ist ein interessanter Blogbeitrag, der super von euch recherchiert wurde. Kaum zu glauben, dass dies mal einer der größte Busbahnhof weltweit war. Heute erinnert er eher an einen „Lost Place“. Bin gespannt ob ihm vielleicht wieder einmal neues Leben eingehaucht wird.
    Liebe Grüße aus Kärnten, Anita

  • Antworten
    Daniela
    12. August 2018 an 12:24

    Erst dachte ich mir, ömpf… Busbahnhof?!…, klingt ja spannend… 😉 Umso mehr ich dann gelesen habe, umso spannender fand ich das Ganze. Sehr interessant, welche Geschichte hinter diesem Ungetüm steckt und welche Auswirkungen es auf die Geschichte einer Stadt haben kann. Hoffen wir mal, dass später niemand so etwas ähnliches über den „neuen“ Berliner Flughafen Willy-Brandt schreiben wird. 😉

    LG aus Berlin, Daniela

  • Antworten
    Michelle | The Road Most Traveled
    9. August 2018 an 13:11

    Wow, hätte so dort so ein riesiges Gebäude nicht erwartet. Schade, dass das ein wenig heruntergekommen ist.
    Besonders schade finde ich es um das schöne Kino.
    Cool, dass du das vorgestellt hast.

    Herzliche Grüße,
    Michelle

  • Antworten
    Marina
    8. August 2018 an 11:04

    Es ist schon immer wieder erstaunlich, was es von Objekten für Geschichten dahinter gibt! Und irgendwie ist es doch überall gleich 🙂 die einen wollen es nicht, die anderen glauben daran, die anderen versuchen es mit biegen und brechen, die anderen scheitern, es bleibt leer, ein Schandfleck…und am Ende haben wieder die Einheimischen das Nachsehen.

    Toll geschrieben!

  • Antworten
    Kathi
    28. Juli 2018 an 21:44

    Hallo Johannes,
    was für eine spannende Geschichte. Auch ich hatte von dem Busbahnhof noch nichts gehört und finde seine Geschichte ganz schön interessant. Ich bin gespannt, wie er sich macht, oder ob es irgendwann nicht einfach ganz geschlossen wird.

    Viele liebe Grüße
    Kathi

  • Antworten
    Selda
    30. Juni 2018 an 22:14

    Hallo Johannes,
    ein wirklich sehr interessanter und spannender Beitrag. Vielleicht wird es ja wirklich in der nächsten Generation besser angenommen und genutzt. Wer weiß, irgendwann will jeder dahin, weil es ein kultureller Ort wird. Das kann man nur hoffen. So kann man sich verkalkulieren. Da gibt es genug Beispiele und man muss gar nicht so weit gucken. Hauptsache man kann sagen, der Größte auf der Welt. Danke für diesen Beitrag.
    Liebe Grüße, Selda

    • Antworten
      Johannes
      1. Juli 2018 an 0:13

      Danke Selda,
      Seit unserem Israel Aufenthalt und unsere Busreise von Tel-Aviv nach Jerusalem hat mich dieses Gebäude nicht mehr losgelassen.

      Mich fasziniert solch Architektur mit reicher Geschichte total, es freut mich dass andere meine Begeisterung teilen.

      lg, Johannes

  • Antworten
    Lisa
    24. Juni 2018 an 15:42

    Hey Johannes! Echt interessant, ich habe noch nie von diesem Busbahnhof gehört. Es ist doch zwischendurch mal viel spannender, von solch vergessenen Ecken einer Metropole zu lesen als den vierzigtausendsten Artikel über ihre Highlights. Ich glaube es kommt oft vor, dass sich die Geschichte eines Landes in seinen Bauwerken widerspiegelt – hoffentlich entwickelt sich der Megabau in Tel Aviv wirklich mal wieder zum Positiven!
    Liebe Grüße, Lisa

    • Antworten
      Johannes
      25. Juni 2018 an 10:30

      Danke Lisa!
      Ja es ist nicht immer einfach die Balance für solche Artikel auf einem Reiseblog zu finden.
      Ich liebe es eine Story mit Wort und Bild zu erzählen, nicht immer einfach das mit einem „Top 5 Artikel“ zu verwirklichen.
      lg, Johannes

  • Antworten
    diealex
    23. Juni 2018 an 10:09

    Spannende Geschichte, von den Bushof hatte ich noch nie gehört.
    Viele Grüße, die Alex

    • Antworten
      Johannes
      23. Juni 2018 an 10:25

      Hallo Alex!

      Da ich ja eher seltener Artikel schreibe, freut es mich dass dir dieser über den Busbahnhof gefallen hat.

      Vielleicht interessiert dich mein Artikel über Seattles vergessenen Untergrund ebenfalls?

      lg, Johannes

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