Archäologie und Geschichte Österreich

Biedermeier Friedhof St.Marx in Wien

Ein bißchen abgeschieden liegt er da, der Biedermeierfriedhof St. Marx in Wien. Keine Besuchermassen, kein manierlich gestutzter Rasen. Einsam und verwildert begegnet uns der Friedhof an diesem Dezember Tag.

Die alten Grabsteine sind zum Teil stark verwittert, einige sind zerbrochen, andere ganz umgefallen. Gewaltige Trauerengel wachen über die Verstorbenen, umrankt von alten Flieder- und Rosenstöcken. Hier wurde schon lange niemand mehr beerdigt. Doch was unterscheidet diesen wundervollen Friedhof von anderen, gerade auch dem „neueren“ Zentralfriedhof?

 

Geschichte des Bieremeierfriedhofes St. Marx


Eingang-St-Marx

Eingang zum Biedermeierfriedhof St. Marx

 

Früher lagen die Friedhöfe der Städte meist innerhalb der Stadtmauern. Doch schon im 16. Jahrhundert gab es in Wien Überlegungen, aufgrund von Seuchen- und Hygienemaßnahmen, die Friedhöfe aus der Stadt zu verbannen. Doch die Wiener hatten einfach eine genaue Vorstellung von einem Begräbnis und den dazugehörigen Festivitäten, so dass sie nicht einfach zu überzeugen waren.

Erst eine Verordnung von Kaiser Joseph II. gegen Ende des 18. Jahrhunderts führte zur Aufgabe der innerstädtischen Friedhöfe und deren Verlagerung in die Außenbezirke bzw. vor die damaligen Stadttore. Ausnahmen gab es nur noch für die Kapuzinergruft, die Stephansgruft und das Salesianerkloster. So entstanden insgesamt fünf kommunale Friedhöfe außerhalb des Linienwalls, und somit außerhalb der Stadt. Heute sind sie auch unter der Bezeichnung Biedermeier-Friedhöfe bekannt.

1784 wurde erstmals schriftlich eine Bestattung auf dem St. Marxer Friedhof erwähnt. Die ältesten Grabsteine befinden sich übrigens direkt an der Friedhofsmauer.

Nach nur 90 jährigem Bestehen wurden die kommunalen Friedhöfe wieder aufgegeben, da sie zu klein geworden waren und man die Errichtung des Wiener Zentralfriedhofes plante.

Biedermeierfriedhof-Wien

Die Natur holt sich alles zurück

 

verfallener-Grabstein

Romantik des Verfalls

 

Nach der Schließung des St. Marxer Friedhofes Ende des 19. Jahrhunderts wurde er zunehmend sich selber überlassen und die Natur holte sich ihren Teil zurück. Vielleicht ist es auch genau das, was den Friedhof St. Marx so schön macht. Die alten Grabsteine, die ihre Geschichte erzählen, überwuchert von der Vegetation. Ein Kreislauf des Lebens der sich am Ende wieder schließt.

Für Kunst- und Geschichtsliebhaber ist der Friedhof eine Oase der Stilepochen. Man findet den Empirestil, der sich unter Napoléon Bonarpartes in Europa stark verbreitete, genau so wie den Historismus oder auch den Klassizismus.

Grab-Friedhof-St-Marx

Einige Gräber scheinen immer noch besucht zu werden

 
Grabstein
 
Engelsfigur-Friedhof

trauernder Engel

 
trauernder-Engel

Trauerengel

 

Ganz besonders schön finde ich die zahlreichen Trauerengel und Grabsteine mit besonderen Inschriften, denn damals war es schick, alles was auch nur irgendwie eine Bedeutung haben könnte, sich in den Grabstein meißeln zu lassen. Sogar Berufsbezeichnungen, die uns heute eher gewöhnlich vorkommen, wurden stolz getragen und durften auf den Grabsteinen nicht fehlen. So findet man z.B. Steine mit der Inschrift „geprüfte Lehrerin“ oder „bürgerliche Fischhändlerwitwe“. Aber die Wiener tragen auch heute noch mit Stolz ihre erworbenen Titel.

Grab-Erfinder-Naehmaschine

Grab von Joseph Madersperger, dem Erfinder der Nähmaschine

 

Glocke-fuer-Scheintote

Ein Seil führte von Glocke in den Sarg in der Aufbahrungshalle. So konnten Scheintote sich bemerkbar machen.

 

Das Grab von Wolfang Amadeus Mozart


Mozart-Grab

Hier geht´s lang zum Grab von Wolfgang Amadeus Mozart

 
Mozartgrab-Wien

neu errichtetes Denkmal für Mozart auf dem vermuteten Armengrab

 

Das wohl bekannteste Grab auf dem Friedhof St. Marx ist das von Wolfang Amadeus Mozart. Ja, richtig gehört, der Komponist liegt hier begraben und zwar in einem Schachtgrab (Armengrab), ohne Kreuz oder andere Merkmale. Damals war es nicht üblich, dass Angehörige den Toten bis zum Friedhof begleiteten.

Da der damalige Totengräber das Wissen um den genauen Standort des Mozartgrabes ebenfalls mit in sein Grab nahm, es aber im Laufe der Zeit immer wieder Nachfragen aus der Bevölkerung gab, wo genau denn nun der Komponist begraben war, wurden Untersuchungen beauftragt. Da war Mozart aber schon fast 100 Jahre tot.

Man bestimmte schlussendlich einen Ort und ließ ein Denkmal errichten. Dieses wurde dann aber zu den anderen Denkmälern der berühmten Komponisten auf den Zentralfriedhof versetzt, vor dem sich heute zahlreiche Menschen via Selfie fotografieren.

Wenn Du also Mozarts wahres Grab besuchen möchtest, dann folge nicht den Busladungen der Touristen auf den Zentralfriedhof, sondern genieße die Ruhe auf dem Friedhof St. Marx.

Ganz besonders schön ist der Biedermeierfriedhof zur Fliederblüte von April bis Juli.

 

Friedhof St. Marx

Öffnungszeiten
1. April bis 30. September 6:30 bis 20 Uhr
1. Oktober bis 31. März 6:30 bis 18:30 Uhr

 

weitere dunkle Orte in Wien
 

weitere Tipps zu Sehenswürdigkeiten & Unternehmungen in Wien

 

Wenn Dir der Beitrag gefallen hat, teile ihn gerne!

Das könnte Dir noch gefallen

4 Kommentare

  • Antworten
    Andreas @ Reisewut.com
    21. Februar 2020 an 14:39

    Puh, ich war mal auf Island auf so einem alten Friedhof, den fand ich gleichermaßen interessant, fotogen und gruselig irgendwie. Eigentlich mag ich Friedhöfe überhaupt nicht (wen wundert es?), aber das, was Du hier so an Fotos zeigst ist schon klasse. Das zeigt wieder mal, solche Orte können schön auch extrem fotogen sein! Danke fürs zeigen.

  • Antworten
    DieReiseEule
    21. Februar 2020 an 9:24

    Ich liebe diese Engelsfiguren.
    Ein „vergessener“ Friedhof gibt den Toten die Würde und die Stille.
    Das Mozart dort begraben liegt, ist wohl nicht allgemein bekannt, sonst würden sicher viel mehr Menschen dorthin pilgern. Ich hoffe, dass ändert sich nach eurem Artikel nicht.

    Liebe Grüße
    Liane

  • Antworten
    Gabrielaaufreisen
    19. Februar 2020 an 18:30

    Ich finde diese alten Friedhöfe immer interessant. Letztes Jahr habe ich ein Grab in Paris gefunden mit meinem Nachnamen, der so gar nicht französisch ist. Schon seltsam. Vielleicht war es ein reisender Vorfahr?
    Liebe Grüße
    Gabriela

  • Antworten
    Michelle
    19. Februar 2020 an 14:59

    Das hat ja auch ein bisschen was von einem Lost Place. Die Statuen und Figuren sind wirklich schön und auch die Aufmachung der Gräber gefällt mir (wenn man das hier so sagen darf). Ich finde, dass auch solch dunkle Orte bei einem Besuch einer Stadt mit dazugehören. Und der Tipp mit Mozarts Grab ist auch gut!

Hinterlasse ein Kommentar