Marshallinseln

Auswandern ins Paradies – Leben auf den Marshallinseln

Viele Länder stehen weltweit ganz oben auf der Liste der beliebten Auswanderungsländer. Zahlreiche Freunde und Bekannte oder ehemalige Arbeitskollegen arbeiten heute auf der ganzen Welt verteilt. Europäische Länder scheinen völlig normal zu sein, USA und Kanada gelten schon als etwas aufregender, Südafrika als exotisch. Aber was bewegt jemanden der wirklich buchstäblich ans andere Ende der Welt auswandert, auf ein Atoll in Ozeanien mit weniger als 10 km² Landfläche?

Ehrlich gesagt, ist mir dazu nur ein Wort eingefallen: KRASS!

Patricia (Patty) ist eine liebe ehemalige Arbeitskollegin von mir und ist buchstäblich ans Ende der Welt ausgewandert, nämlich auf die Marshallinseln.

Wer sich jetzt fragt, wo die genau liegen, dem geht es genau so wie mir, ich musste nämlich auch erstmal auf meine Weltkarte schauen. Der Inselstaat der Marshallinseln liegt mitten im Pazifik zwischen Papua Neuguinea und Hawaii. Traurige Berühmtheit erlange das Bikini-Atoll, welches zu der Gruppe der Marshallinseln gehört, auf dem in den 1940er und 50er Jahren durch die USA Atomwaffentests durchgeführt wurden.

Klar, dass ich Patty zu ihrer Auswanderung befragen musste. Hier steht sie Euch Rede und Antwort.

 

Hallo Patty, stelle dich doch bitte kurz vor

Hallo, ich bin Patricia Lengua Hinojosa, eine Kinderärztin aus Deutschland, Hamburg, die aktuell auf den Marschallinseln lebt.

 

1. Wann und warum bist du ausgewandert, was gab den Ausschlag?

Ich bin im März 2019 meinem Mann auf die Marschallinseln gefolgt, der dort eine neue Arbeit im „Micronesian Center for Sustainable Transportation“ im November 2018 begonnen hatte.

 

2. Warum gerade die Marshall Inseln bzw. das Majuro-Atoll?

Majuro ist das Hauptstadt-Atoll der Marschallinseln und beherbergt damit auch alle wichtigen Regierungs- und NGO- Organisationen, sowie den Marshall Island Campus der Universität South Pacific, wo mein Mann angefangen hatte zu arbeiten. Hier sollte also der Hauptarbeits- und wohnort für die nächsten drei Jahre sein.


 

3. Kanntest Du die Marshall Inseln schon bevor Du ausgewandert bist? Bzw. was kanntest Du schon von den Inseln? Gibt es etwas, was Du gerne vorher gewusst hättest?

Wir kannten diesen winzigen entlegenen Fleck der Erde vor der Bewerbung für diese neue Arbeit meines Mannes 2018 nicht. Allenfalls kannten wir das Bikini-Atoll von den schrecklichen Atombomben – Tests der Amerikaner in den 40-50er Jahren von Dokumentationen.

Nachdem der Bewerbungsprozess erfolgreich verlief und wir uns intensiv mit der Frage auseinandersetzten, ob wir dort auch leben wollten, informierten wir unser über Wikipedia und Google und lasen alles Mögliche über diesen flachen Inselstaat im Nordpazifik. Schon schnell stellte ich mir die Frage, wie groß ist wohl noch die Reststrahlung der vielen Atombomben, die dieses Land erleben musste. Selbst wenn die Strahlung in Majuro gering sein sollte, wie groß ist wohl die Strahlenbelastung in den gefangenen Fischen? Eine Frage, die ich bis heute nicht endgültig beantworten konnte.

Schwieriger fand ich die Adaptation an eine doch so diverse Kultur zu meiner doch schon ziemlich westlich geprägten Art. Angekommen in Majuro war ich oft einem freundlichen, aber doch großem Schweigen gegenüber ausgesetzt. Nein, nicht die anderen Expatriats, die nahmen uns mit offenen Armen mit viel Interesse auf. Nein, es waren die Marschallesen selber, die im Taxi, dem einzigen Fortbewegungsmittel auf der einen Straße im Atoll, zwar noch ein „Iakwe“ („Hallo“) über die Lippen brachten, aber wenn man dann kein weiteres Wort Marschallesisch sprach, war die Fahrt doch eher schweigsam.

Marschallesisch unterscheidet sich so vollkommen von meinen nicht minderen Sprachkenntnissen in Deutsch, Englisch, Spanisch und Französisch. Ich belegte also im Herbst 2019 am College of Marshall Islands einen Sprachkurs in Marschallesisch, um diesen Umstand zu ändern. Letztlich habe ich auch nach fast einem Jahr das Gefühl das meine Marschallesischkenntnisse noch in den Kinderschuhen stecken.

©Patricia Lengua Hinojosa

 

4. Wie war die Reaktion der Familie, der Freunde und Bekannten als Du ihnen mitgeteilt hast, dass Du nach Ozeanien auswanderst?

Meine Familie reagierte meist positiv, jedoch auch mit manchen Sorgenfalten auf der Stirn… Wann werden wir dich denn wiedersehen? Die meisten Freunde zeigten ebenfalls Neugier und Bewunderung, aber viele auch mit einem Zwinkern, wie sehr sie uns vermissen werden.

 

5. Wie hat es mit dem Einleben dort geklappt und wie lange hat es gedauert, bis Du Dich dort „Zuhause“ gefühlt hast?

Das Einleben fiel oberflächlich leicht; alle offiziellen Orte und Restaurants konnte man mit Englischkenntnissen erkunden. Auch die Expatriats aus so vielen unterschiedlichen Ländern nahmen uns herzlich auf. So zählen nun Bürger der Mongolei, Japan, Thailand, USA, Canada, Australien, Neuseeland, Fiji, Slowakei, Argentinien, Kolumbien und Taiwan zu unseren Freunden. Das ist sehr bereichernd.

Schwieriger erlebte ich den Beziehungsaufbau mit Marschallesen. Sie sind wohl doch die Hamburger des Pazifiks, brauchen nicht immer neue Freunde und sind teils wortkarg. Aber die Sprache scheint mir ein Schlüssel zu Ihnen zu sein. Sobald man ein paar Sätze Marschallesisch spricht tauen sie auf, und scherzen munter herum.

Ich schätze nach circa 6 Monaten habe ich mich „zuhause“ gefühlt, und so richtig angekommen bin ich erst nach 9 Monaten hier. Das ist aber sicherlich kein jedermanns Maß, da ich mich selbst zu den „Langsam-Adaptierern“ zählen würde.

 

6. Traumhafte Strände und Tropenfeeling, dort leben wo andere Urlaub machen. Aber wie sieht ein typischer Tag auf dem Majuro-Atoll für Dich aus? Was machst Du dort beruflich? Was machst Du in Deiner Freizeit?

Meinen Alltag musste ich zunächst erst einmal neu finden. In Hamburg war ich zuletzt am Uniklinikum auf der Kinderintensivstation im Schichtdienst tätig gewesen. Die ersten Monate verbrachte ich mit herunterkommen von einem hohen Stressniveau, runter auf ein „Islandtime“- Feeling, in dem Zeit eine sehr sekundäre Dimension des Lebens spielt.

Ich begann Brot selbst zu backen, Gemüse anzubauen, viel zu lesen und Meister im Nichtstun zu werden. Auch wenn ich schon nach drei Wochen mich erneut um eine hiesige Anstellung im Krankenhaus kümmerte, dauerte es ca. fünf Monate, die ich vor allem mit mir selbst beschäftigt war. Mein Alltag während einer kurzen intensiven Arbeitsperiode war vor allem durch die Arbeit im Krankenhaus geprägt: Früh aufstehen, per Taxi, dem einzigen öffentlichen Verkehrsmittel, zum Krankenhaus fahren und wieder zurück. In meiner Freizeit fing ich an zu schnorcheln, surfen und auf die gegenüberliegenden Atollinseln zu fahren und zu schwimmen.

Aktuell bestimmt neben Hausarbeit, auch ein persönliches Herzensprojekt der IOM (International Organization for Migration) zu Frauengesundheit, insbesondere zu nachhaltigen Menstruationsprodukten und deren statistischer Auswertung der Befragungen der marshallesischen weiblichen Bevölkerung, meinen Alltag.

©Patricia Lengua Hinojosa

 

7. Wie hast du dort locals  kennengelernt und haben sie Dich schnell aufgenommen?

Es war insgesamt sehr schwierig „Locals“ kennenzulernen. Die meisten Marschallesen, die ich nun kenne und regelmäßig sehe, haben einen Teil ihrer Ausbildung im so verbündelten US-Ausland absolviert und sind deswegen vielleicht gar nicht mehr so marschallesisch wie das Gros der Bevölkerung. Es ist aber auch schwierig aufgrund der doch größeren Sprachbarriere zu den meisten Marschallesen eine Beziehung aufzubauen. Meine Marschallesischkenntnisse stecken wie schon erwähnt ja noch in den Kinderschuhen und viele Marschallesen sprechen allenfalls wenige Worte Englisch, obwohl das hier die offizielle Landessprache ist.

 

8. Wann warst du das letzte Mal in Deutschland? Und wie war das, wieder in der alten Heimat zu sein?

Ich war seit März 2019 nicht wieder in Deutschland.

 

9. Was vermisst Du am meisten aus Deutschland? Und was vermisst Du überhaupt nicht?

Am meisten vermisse ich neben meiner Familie und Freunden, die große Auswahl an günstiger frischer Ernährung; dazu zählen die unzähligen Vollkornbrote zB aus Roggen oder Dinkel, sowie der ununterbrochene Vorrat an frischen Gemüse- und Obstsorten. Hier kommt der Versorgungscontainer manchmal nur alle 2-4 Wochen an und leer gekaufte Frischeregale zieren sämtliche Supermärkte. Dann muss man auf Dosenfutter ausweichen oder hat das Glück Tiefkühlgemüse auf Vorrat gekauft zu haben.

Am wenigsten vermisse ich die ständig gestressten und unter Zeitdruck stehenden Menschen mit all ihrer Ungeduld und dem großen Gemecker der stets nicht zufrieden stellenden Personen.

oft sind die Regale im Supermarkt leer ©Patricia Lengua Hinojosa

 

10. Stichwort Inselkoller: Hattest Du Tage, wo Du Deine Auswanderung bereut hast?

Bisher hatte ich vor allem mit mir zu kämpfen als ich schweren Herzens die Arbeit im Krankenhaus sein ließ. Ich fühlte mich gesellschaftlich teils missachtet obwohl es kaum direkte Fragen zu meinen Gründen für diesen Entschluss gab. In dieser Situation spürte ich wie klein die Gesellschaft hier doch ist, knapp 30 000 Einwohner alleine in Majuro; da trifft man schnell beim Einkauf oder Besuch in den an zwei Händen abzählbaren Restaurants auf die gleichen Personen.

 

11. Welches sind die größten kulturellen Unterschiede zwischen Deutschen und den Bewohnern der Marshallinseln? War es anfänglich schwierig damit umzugehen?

Oh dies ist ein sehr umfangreiches Thema und sprengt sicherlich den Rahmen dieses Interviews. Es gibt viele Bücher über die kulturelle Divergenz von Mikronesien und Deutschland bzw. anderen westlichen Kulturen. Für mich die offensichtlichste Differenz und zunächst zu viel Verwirrung führende, war die Verschwiegenheit bei direkter offener Kommunikation. So viel es mir am Anfang sehr schwer gute Anamnesen meiner kleinen Patienten zu erheben. Selbst geschlossene Fragen, die einfach mit „Ja“ oder „Nein“ zu beantworten wären, wurden mit einem schüchternen Blick nach unten beantwortet. Erst mit der Zeit lernte ich, dass dies der verbalen Antwort: „Weiß ich nicht“ oder „Nein“ gleichzusetzen war. Wenn man seinem Gegenüber nicht in die Augen schaut, kann auch ein deutliches „Ja“, gekennzeichnet durch das gleichzeitige Augenbrauen heben, schnell übersehen werden. Ein klares „yes“ oder „no“ zu hören zu bekommen, ist sehr ungewöhnlich und zeigt meist schon eine Sozialisierung außerhalb der Marschallinseln an. Für mich gab und gibt es immer noch unzählige nonverbale Zeichen zu erlernen um die Kommunikation hier entschlüsseln zu können.

 

12. Wie lange dauert die Anreise von Deutschland aus und welchen Weg muss der Reisende auf sich nehmen?

Die kürzeste Anreise dauert ca. 26 Stunden per Flugzeug inklusive Aufenthaltspausen und verläuft über Frankfurt- Los Angeles- Honolulu- Majuro, nicht eingeschlossen ist die derzeitige 11-stündige Zeitverschiebung die man auf dem Weg hierher verliert. Günstigere Verbindungen gibt es kaum, jedoch ist es natürlich auch möglich per Islandhopper über die Philippinen oder Fiji hier herzufliegen.

Auch hier gibt es Streetart zu bewundern ©Patricia Lengua Hinojosa

 

13. Wie ist der Tourismus auf den Inseln ausgeprägt? Welche Tipps hast Du für Reisende? Gibt es etwas was man bei einem Besuch unbedingt einmal machen sollte?

Es gibt kaum normalen Massentourismus. Die wenigen Touristen, die es hier her verschlägt, folgen einem Ziel sämtliche Länder der Welt oder des Pazifiks zu bereisen.

Der einzige international begehrte und besser vermarktete Ausflugsort ist das Beran Island Resort zum Surfen etc. auf Ailinglaplap, einem großen Atoll.

Wenn man es nach Majuro schafft sollte man zwei Dinge nicht missen: 1. Das eine wunderschöne Ende der Straße in Laura Beach besuchen, sowie einen Tagesausflug nach Eneko unternehmen. Dort gibt es wunderschöne Korallenriffe beim Schnorcheln zu besichtigen.

 

14. Gibt es ein Nationalgericht das man unbedingt einmal probieren sollte? Welche Einflüsse findet man in der Küche wieder?

Es gibt hier vor allem den besten und feinsten Thunfisch zu essen, sowie andere seltene deliziöse Fischsorten, die man nicht missen sollte.

Die typische marschallesische Küche besteht aber fast immer aus Reis und Fleisch. Dabei geraten die heimischen Früchte wie Kokosnüsse und Brotfrucht zunehmend, zum Leid aller Diabetiker, in den Hintergrund.

der steigende Meeresspiegel ist auf den Marshallinseln ein großes Problem ©Patricia Lengua Hinojosa

 

15. Die Marshall Inseln sind ja Atolle, die nicht sehr hoch über dem Meeresspiegel liegen. Wie macht sich der Klimawandel auf den Inseln bemerkbar und wird etwas aktiv dagegen getan?

Ja, sehr wahr, hier im Majuro- Atoll ist die Müllhalde mit ihren ca. 15m die höchste „natürliche“ Erhebung. Meist liegt die Insel wenige Meter über Normalnull und wird regelmäßig bei Springfluten überflutet.

Klimawandel stand ganz groß auf den Fahnen der nun abgedankten Präsidentin Hilda Heine. Viele Projekte sind hier auf internationalem Niveau unterstützt worden, und viel Geld fließt in „Seawall- Projekte“ und weitere, die sich mit dem nationalen Adaptationsplan beschäftigen. Klimawandel ist in aller Munde, sei es künstlerisch durch Lyrik (Kathy Jetnil-Kijiner, Tochter der ehemaligen Präsidentin), oder durch internationale Kongresse, organisiert durch die hiesigen Institutionen wie IOM oder College of Marshall Islands.

Vorreiter wollen die Marschallesen in der Zeroemissionspolitik sein. Ob dieses Ziel beibehalten wird, muss die seit Beginn diesen Jahres neugewählte Regierung erst noch zeigen. Die junge Gesellschaft zeigt viel Engagement und fährt auf der anderen Seite liebend gern die fetten Energie verschleudernden Trucks und SUVs. Regelmäßige Cleanups und der Verzicht auf Plastiktüten im Supermarkt sind Errungenschaften, die jeder spürt und trotzdem im Widerspruch stehen zu dem massiven Plastikflaschenverbrauch.

Hier kannst Du einen interessanten Beitrag *dazu sehen.

(*wenn Du auf diesen links klickst, kommst Du direkt zu youtube.)

Vielen Dank liebe Patty, für diesen tollen Einblick in Dein Leben auf den Marshallinseln! 

 

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