Archäologie und Geschichte Belgien

Deutscher Soldatenfriedhof bei Bastogne – der Wahnsinn eines Krieges

Ardennen-Belgien

Es ist eisig an diesem Vormittag im Januar und der Wind schneidet im Gesicht, als wir die Autotüren hinter uns zu schlagen. Der Himmel hat sich in ein dunkles blau-grau verfärbt, und ich vermute schon einen heftigen Regenfall. Also beeilen wir uns und betreten schnell die Kapelle auf dem deutschen Soldatenfriedhof in Recogne, einem kleinen Dorf ca. 8 km von Bastonge, im Südosten Belgiens, entfernt.

Deutscher Soldatenfriedhof in Recogne

6807 deutsche Soldaten liegen hier begraben. Zunächst war es ein Friedhof auf dem auch amerikanische Gefallene lagen, diese aber wurden bereits 1945 auf einen US-amerikanischen Militärfriedhof umgebettet. Die deutschen Soldaten, die hier ihre letzte Ruhe fanden, stammen aus der Schlacht um Bastogne, aber auch aus der Provinz Luxemburg, der Provinz Lüttich sowie aus dem Gebiet Malmedy-Eupen und St. Vith.

Sie alle sind gefallen in der letzten Schlacht eines Wahnsinnigen, der den Zweiten Weltkrieg um jeden Preis gewinnen wollte. Alle noch verbleibenden Männer wurden in die Schlacht geschickt, obwohl der Krieg so gut wie verloren war.

Der Befehl zur Ardennenoffensive, die den deutschen Codenamen „Wacht am Rhein“ hatte, kam im Dezember 1944. Hitler plante einen Überraschungsangriff und wollte die Brücken über die Maas einnehmen, um so über Lüttich nach Antwerpen vorzudringen.

Nach sechs Wochen und erbitterten Kämpfen mit den Alliierten Streitkräften, kam diese letzte Schlacht Hitlers bei Bastogne zum Erliegen. Die Stadt konnte von den Amerikanern gehalten werden.

Einer amerikanischer Panzer aus dem 2. Weltkrieg auf dem McAuliffe Platz in Bastogne.

 

Eine Reise in die Ardennen ist auch eine Reise in die Vergangenheit. Auch wenn unsere Generation den Zweiten Weltkrieg nicht miterlebt hat und unsere Eltern meist erst nach dem Krieg geboren sind, so sind es doch in vielen Fällen die Großeltern gewesen, die den Wahnsinn miterlebten oder sogar im Krieg gefallen sind.

Überall in den Ardennen sind die Überreste dieses Krieges und der Ardennenschlacht zu finden. Amerikanische Panzer stehen in der Ortsmitte vieler Dörfer, durchlöchert von Geschosseinschlägen. Ab und zu findet man auch einen deutschen Panzer, doch die sind eher selten. Kein Wunder, wer möchte schon tagtäglich an die Grausamkeiten des Krieges erinnert werden, welche die Deutschen über Europa und eben hier die kleinen und großen Dörfer in den belgischen Ardennen gebracht haben. Da gedenkt man lieber den Befreiern.

Winter-Recogne-Ardennen

Wintereinbruch in Recogne

 

Als wir aus der kleinen Kapelle des deutschen Soldatenfriedhofes in Recogne hinaus treten, hat sich der dunkel blau-graue Himmel in Form von Schnee und Sturm entladen, der Wind ist gefühlt noch eisiger geworden.

Ich blicke auf die vielen Reihen von dunkelgrauen Steinkreuzen. Eine Reihe nach der anderen. Wieviele es sind, weiß ich nicht. Zu viele. Die Landschaft hat sich in eine schwarz- weiß Kulisse verwandelt, in der die wenigen Bäume zwischen den Gräbern ihre Äste in den Himmel recken. Einerseits eine gespenstische Kulisse, andererseits hat sie etwas ermahnendes an sich.

Ardennenschlacht-Friedhof-Bastogne

Eine gespenstische Szenerie mit Erinnerungen an die Mini Serie „Band of Brothers“

 

Das Gefühl von „Band of Brothers“

Wir hören nur den Wind, der uns den Schnee ins Gesicht peitscht. Mir kommen die Szenen der amerikanischen Mini-Serie „Band of Brothers“ in den Kopf. Der harte Winter 1944/45, in dem die amerikanische Easy Company der 101 st Airborne Division in ihren „Foxholes“ vor dem benachbarten Dorf Foy ausharrte, und immer wieder schwer von den Deutschen angegriffen wurde.

Durch die deutsche Belagerung fehlte es den Soldaten an ausreichender medizinischer Versorgung, Nahrung, Munition und wärmerer Kleidung. Manche der amerikanischen Versorgungsflüge warfen ihren Nachschub versehentlich über deutschem Gebiet ab.

Mir ist kalt, meine Finger sind mittlerweile rot, das Fotografieren fällt zunehmend schwerer. Ich weiß, ich kann mich gleich wieder ins Auto setzen, die Heizung aufdrehen, einen warmen Schluck Tee nehmen, sogar die Sitzheizung am Po spüren.

Die Männer von damals hatten all das nicht. Die Amerikaner saßen Tag ein Tag aus im Wald  bei Foy in winzigen Erdlöchern mit unpassender Kleidung. Auf das kalte Europa waren sie nur unzureichend vorbereitet. Ich kann mir angesichts der leichten Temperaturen an diesem Januar Morgen nur annähernd vorstellen, wie die Männer sich bei nächtlichen Temperaturen von bis zu -28 Grad gefühlt haben müssen.

 

Der Wahnsinn des Krieges

Soldatenfriedhof-Bastogne-Ardennenschlacht

Die meisten gefallenen Soldaten waren um die 20 Jahre alt.

 

Egal welche Friedhöfe wir uns angeschaut haben, ob es amerikanische oder deutsche waren. Eines ist mir beim Gang durch die Reihen immer wieder bei vielen Gräbern aufgefallen: geboren um 1922, gestorben 1944. Man muss kein Mathe-Genie sein um sich auszurechnen, dass diese Männer hier alle um die 20 Jahre alt waren. Die jüngsten waren erst 17 Jahre alt. Ein Wahnsinn. Was für ein Leid auf allen Seiten.

Ich frage mich, wer diese Männer waren. Einige haben Namen, bei anderen steht nur „ein deutscher Soldat“. Ihre Identitäten bleiben für immer im Boden Belgiens begraben. Ihre Angehörigen werden vermutlich nie wissen, wo sie wann und wie gestorben sind.

Bei anderen Gräbern liegen Blumen, eingefroren in der Kälte. Sie werden offensichtlich regelmäßig besucht.

Ich bin mir sicher, dass viele Soldaten eingezogen wurden, kämpfen mussten ob sie wollten oder nicht. Viele haben die Grausamkeiten des Krieges bestimmt auch unterschätzt. Was macht ein Krieg mit solch jungen Seelen, wenn man die Schlachten überlebt? Ich kann es mir kaum vorstellen. Es schmerzt.

Ich blicke auf meinen kleinen Sohn, der mit seinen 8 Monaten friedlich und dick eingemummelt in seinem Buggy liegt. In welcher Zeit wird er aufwachsen? Ich kann nur hoffen, dass wir angesichts des immer mehr zunehmenden politischen Rechtsdrucks noch rechtzeitig alle zur Vernunft kommen.  Es braucht oft nicht viel, damit ein Wahnsinniger an die Spitze gelangt und alle ins Verderben führen kann. Ich kann nur hoffen, dass wir alle doch noch irgendwann zur Vernunft kommen, dass wir doch mehr sind, als die anderen, und dass sich solche Grausamkeiten nicht wiederholen.

Recogne

Hier lag von 1945 bis 1948 ein provisorischer Friedhof die 2.701 gefallene amerikanische Soldaten, die in der „Battle of the Bulge“ ihr Leben verloren.

 

An einer Straße am Ortsausgang entdecken wir noch ein Denkmal für die amerikanischen Soldaten, die hier in Recogne gemeinsam mit den Deutschen bestattet waren, dann aber auf einen Militärfriedhof umgebettet wurden. „Peace“ steht dort bei den sich zugewandten Tauben. Friedlich soll es auch in Zukunft bleiben.

 

Friedhof-Bastogne

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18 Kommentare

  • Antworten
    Winter in den Ardennen: meine Tipps zu Ausflüge, Wetter und Unterkünfte
    31. März 2019 an 12:21

    […] Soldatenfriedhof in Recogne ist ein beklemmender Ort, vor allem im Winter. Über 6800 Soldaten, kaum älter als 20 Jahre, […]

  • Antworten
    Lena
    14. März 2019 an 11:28

    Ich finde, man kann sich diese Gedanken gar nicht oft genug ins Gedächtnis rufen. Als wir vor Jahren mit kleinen Kindern in Ypern waren, haben wir dort das Museum zum 1. Weltkrieg besichtigt. Und auch drum herum sind die Spuren des Grabenkrieges überall noch sichtbar (gemacht). Das war damals selbst für unsere Kindergarten-Kinder eindrucksvoll und hat zu guten Gesprächen geführt, weil sie dadurch damals schon die richtigen Fragen gestellt haben. Wie konnte das passieren, wo doch alle Leute hier so nett sind? (Wir waren als Couchsurfer bei einer Familie untergekommen, und der Gedanke, diese Leute zu bekämpfen, nur weil sie eine andere Nationalität haben, erschien ihnen völlig absurd.) Und wie kann man dafür sorgen, dass sowas nie wieder passiert? (Vorschlag des damals 6-Jährigen: Alle sollten regelmäßig couchsurfen. 🙂 ).

    • Antworten
      Miriam
      14. März 2019 an 14:26

      Liebe Lena,
      was bleibt mir da noch anderes zu sagen als, dass Kinder immer die besten Antworten haben! Toll, dass ihr das schon mit Kindern so angeht und besprecht, es ist einfach so ein wichtiges Thema!
      Lg Miriam

  • Antworten
    Thore
    12. März 2019 an 22:21

    Wir waren im Winter im Anne Frank Haus in Amsterdam. Dort bekam man auch bei 21 Grad schon Gänsehaut, umso mehr friert es einen innerlich auf den Schlachtfeldern des Krieges – egal ob es schneit oder die Sonne scheint. Solche Orte sind so wichtig, denn nur mit den Erfahrungen aus der Vergangenheit lassen sich zumindest einige Fehler für die Zukunft vermeiden.
    LG Thore

  • Antworten
    Angela
    12. März 2019 an 17:15

    Die Bilder vermitteln echt ein beklemmendes Gefühl. Du hast ja so recht: Hoffentlich bleiben genug Menschen bei Vernunft, damit so ein verrückter Krieg nie wieder passiert.
    Liebe Grüße
    Angela

  • Antworten
    Barbara
    26. Februar 2019 an 21:24

    Das Wetter finde ich perfekt, es passt zu der Stimmung, in die ich bei solchen Besuchen komme.

    Ich finde es wichtig, sich ab und zu diesen Themen zu widmen. Sinnlos geopferte Menschenleben, traumatisierte Hinterbliebene. Eine Tragik, die sich hoffentlich nie wiederholt.

  • Antworten
    Daniel
    26. Februar 2019 an 21:14

    Oh, das war sicher eine bedrückende Stimmung dort. Ich finde Friedhöfe aber aus Geschichtsgründen immer interessant, weil man sich dann automatisch mit der Zeit beschäftigt.

  • Antworten
    Michelle | The Road Most Traveled
    26. Februar 2019 an 21:02

    Wow, was für ein starker und beklemmender Ort!
    Schönes Wetter wäre sicher sehr unpassend gewesen.

    Deine letzten Worte haben mir Gänsehaut bereitet, ich hoffe, dass die Menschen irgendwie zur Vernunft kommen. Wir brauchen keinen weiteren Krieg, keinen Hass, keine Intoleranz..
    Danke für das starke Statement mit diesem bewegenden Beitrag!

    <3
    Michelle

  • Antworten
    Orange Diamond
    26. Februar 2019 an 19:55

    Hallo Miriam,

    ich finde Friedhöfe immer sehr gruselig und genauso habt ihr sie dargestellt. Schaurig, kalt und gruselig. Die Stimmung ist bestens wieder gegeben. Die Leute müssen Umdenken, damit so etwas nie wieder passiert – Gräber mit jungen Soldaten sollen nie wieder kommen!

    Danke für den wunderbaren Bericht!

    LG, Alexandra

  • Antworten
    Selda
    3. Februar 2019 an 12:31

    Liebe Miriam,
    ich lese sehr gerne eure Artikel, weil sie so lehrreich und authentisch sind. Leider muss man dieser Tage feststellen, dass die Menschheit sich an die dunklen Zeiten sehnt, wenn man sich in der Welt mal umschaut. Egal wo man hinsieht, erblickt man dasselbe Bild. Umso mehr ist es so wichtig, dass man solche Orte aufsucht und der nächsten Generation vor Augen hält. Ich hoffe für unsere Kinder, dass sie nie solche Zeiten erleben müssen.
    Toller Artikel!!

    Liebe Grüße, Selda

    • Antworten
      Miriam
      3. Februar 2019 an 16:09

      Liebe Selda, ich hoffe auch, dass unsere Minder davon verschont bleiben. Unsere Welt wird mehr denn je zusammenwachsen und gerade deshalb ist Respekt und Toleranz von allen Seiten so wichtig.
      Lg Miriam

  • Antworten
    Ilona
    3. Februar 2019 an 12:01

    Genauso ging es mir in der Normandie. Ich fand das Gefühl total beklemmend, auf diesen Friedhöfen zu stehen.
    wir waren genau zu den D-Day-Feierlichkeiten dort und der Eventtourismus war für mich z.T. schon geschmacklos. Da merkt man aber auch, wie unterschiedlich das Thema Militär in verschiedenen Ländern wahrgenommen wird. Bei den vielen US-Amerikanern geht man ganz anders damit um.

    Ich verlinke mal meinen Artikel hier als Website, wenn er dich interessiert.

    • Antworten
      Miriam
      3. Februar 2019 an 16:11

      Eventtourismus? Das klingt an so einem Ort irgendwie seltsam. Das man die Befreiung feiert, daran erinnert und gegen das Vergessen ankämpft ist natürlich wichtig, aber es zu einem Halli Galli werden zu lassen würde ich geschmacklos finden. Was genau gab es denn für „Events“?
      Lg Miriam

      • Antworten
        Ilona
        3. Februar 2019 an 19:15

        Naja, zum einen laufen Kriegsende-Feierlichkeiten da an sich schon mal anders ab als bei uns. Man kleidet sich im 40s Look und tanzt Swing. Das kann ich ja auch noch gut nachvollziehen.
        Es gibt auch sehr viel Reenactment, eigentlich hatte fast jeder irgendeine alte Uniform an oder ähnliches. An den Soldatenfriedhöfen hingen dann sogar Schilder, dass das Mitbringen von Waffen und Waffenattrappen verboten ist.
        Außerdem gibt es Museen, die einem den D-Day nahebringen „als sei man dabei gewesen“… Ausmalbilder für Kinder mit Kriegsmotiven oder auch Kleinkinder-Shirts mit Soldaten etc. pp.
        Alles nicht meines.

  • Antworten
    Isabel
    3. Februar 2019 an 11:56

    Den letzten Absatz kann ich genau so unterschreiben. Ich mache mir da oft die gleichen Gedanken, wenn ich auf meine zweijährige Tochter blicke.

    Allerdings ist selber denken, hinterfragen, nicht alles so hinnehmen bei Kindern ja nicht mehr ‚schick‘ und die Kids werden schnell in die Tyrannen-Ecke empfohlen.

    Dabei vergessen wir oft, dass angepasste Kinder dann genau den Wahnsinnigen an der Spitze hinterher laufen, die so viel Unheil anrichten können.

    Liebe Grüße
    Isabel

    • Antworten
      Miriam
      3. Februar 2019 an 16:14

      Liebe Isabel,
      das sind wahre Worte. Unser Kind soll alles hinterfragen und sich seine eigenen Gedanken machen, ich finde das äußerst wichtig. Schade, wenn es viele Menschen als nervig oder sogar tyrannisch betrachten, wenn Kinder eben nicht dem Muster entsprechen.
      Lg Miriam

  • Antworten
    Genussabenteurer
    3. Februar 2019 an 11:54

    Das graue und verschneite Wetter macht die Bilder dieser Gedenkstätte noch wesentlich eindrucksvoller. Ich hoffe dieser Ort bewegt so manchen zum Denken. Als Mahnmal dass solche Grausamkeiten nie wieder passieren dürfen.

    Liebe Grüße, Katja

    • Antworten
      Miriam
      3. Februar 2019 an 16:15

      Liebe Katja,
      das hoffe ich auch. Ich muss auch sagen, dass das Wetter zu unserer Stimmung perfekt gepasst hat.
      Lg Miriam

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