Israel Palästina

Wie Reisen einen verändert: die Welt ist nicht schwarz-weiß

Friedenstaube von Banksy in Bethlehem

Reisen verändert einen. Jede Reise trägt dazu bei, dass wir die Welt und ihre vielfältigen Kulturen ein Stück näher kennenlernen. Aber das Reisen verändert vor allem auch uns selbst, unsere Sichtweise auf Dinge, politisches Geschehen, unser Umweltbewusstsein, unsere Sicht auf andere Menschen und ihre Kultur. Jede meiner Reisen hat mich bis jetzt ein Stück weit verändert, die eine mehr, die andere etwas weniger. Aber welche Reise hat mich am meisten verändert und warum?

Igor vom Blog 7 Kontinente fragt in seinem „Projekt 360: um die Welt zu Dir selbst“ nach Reisen, die Dich verändert haben. Ich habe mich entschieden über Israel und das Westjordanland zu schreiben und wie es mich verändert hat.

Zugegeben, darüber zu schreiben wie ein Land, in dem eigentlich ein Dauerkonflikt mit der Nachbarregion brennt, einen verändert hat, ohne dabei politisch zu werden ist nicht leicht. Das Problem hatte ich schon bei meinem Artikel über Hebron.

Tel Aviv, das quirlige Leben

10 Tage waren wir damals, keine 6 Wochen nach Beendigung des Krieges „Operation Protective Edge“, in Israel und dem Westjordanland unterwegs. Angekommen im quirligen Tel Aviv war kaum etwas davon zu spüren, dass hier vor ein paar Wochen noch unzählige Raketen über die Köpfe der Menschen hinweg flogen, dass man sich ständig in sichere Gebäude begeben musste, dass sogar der Flughafen Ben Gurion beschossen wurde, oder dass es Selbstmordattentate gab. Die Menschen lachten, feierten, lebten und genossen den Tag am Strand oder die lauen Sommerabende in einem der unzähligen Restaurants oder Cafés Tel Avivs. Von Spannungen keine Spur. Tel Aviv ist eine quirlige kosmopolitische Stadt, die nach dem Motto „Leben und Leben lassen“ existiert. Zumindest kam es uns so vor.

Jerusalem, eine Stadt im Dauerkonflikt

Anders hingegen Jerusalem. Seit Jahrtausenden Zankapfel der Religionen.

Am selben Tag als wir anreisten, ist vormittags ein Palästinenser bei einer Tram Haltestelle in eine Menschenmenge gefahren. Am selben Nachmittag standen überall an den Kreuzungen im Straßenbereich schon dicke Betonklötze zum Schutz. In der Altstadt von Jerusalem patrouillierten überall, mit Maschinenpistolen und schusssicheren Westen bewaffnete, Soldaten. Auch der Zugang zum Tempelberg war mit einem russischen Roulette zu vergleichen, morgens um 7:00 Uhr an der Brücke stehen und hoffen, dass die Tore aufgemacht werden.

Soldaten in Jerusalem

IDF Soldaten bewachen den Zugang zur Altstadt und dem Tempelberg in Jerusalem.

Felsendom auf dem Tempelberg

Der Felsendom auf dem Tempelberg.

Freitagabends, die Sonne geht unter und die Straßen sind menschenleer, der Shabbat hat begonnen. Samstag Morgen hetzten etwas düster dreinblickende Gläubige an uns vorbei, während andere gerade ihre kleinen Läden aufmachten und ihre Auslagen für den Tag vorbereiteten. Jeder ging seiner Beschäftigung nach.

Die Menschen, die hier ihrem Alltag nachgingen und ihre Waren verkauften, waren alle sehr freundlich und gutgelaunt, egal ob sie nun Christen, Muslime oder Juden waren. Man respektierte einander und kam mit seinen Mitmenschen aus.

Spannungen haben wir immer nur dann empfunden, wenn extreme Meinungen im Spiel waren. Dann hieß es „Ihr dürft dort auf gar keinen Fall entlanglaufen, auch nicht tagsüber, da wohnen die Araber“ (aha – und?). Wir liefen trotzdem durch Teile von Ostjerusalem. Menschen gingen auch hier ihrer alltäglichen Beschäftigung nach, Kinder spielten auf der Strasse, lachten und schauten uns neugierig an.

Westjordanland, das Land auf der anderen Seite

Mauer zwischen Israel und Palästina

Die Mauer bei Jerusalem.

Jüdische Siedler, die sich eine Wohnung oder ein Haus auf der anderen Seite der Mauer nicht leisten können, ziehen ins Westjordanland, ein potentielles Konfliktrisiko. „Das ist schade, dass sie sich keine Wohnung drüben leisten können, deshalb kommen sie hierher. Sie wollen einfach nur leben wie wir. Die sind nett.“ erzählte unser palästinensischer Guide auf dem Weg nach Hebron. „Die sind nicht das Problem, das Problem sind die anderen!“ Mit „die anderen“ meinte er die jüdischen Siedler, die ins Westjordanland kommen, weil sie meinen, es ist ihr Land. „Sie haben Lizenzen um tiefere Brunnen zu graben als wir, deshalb verdorrt unsere Ernte, weil wir kein Wasser zum Bewässern mehr haben. Aber die, die haben ihren grünen Rasen in der weißen Siedlungen!“ Ganz so Unrecht hatte er nicht. Auch nicht mit allem anderen was er uns so erzählte. Die Menschen im Westjordanland sind sauer und frustriert, weil sie schlecht behandelt werden von den Israelis. Das wiederum führe zu Gewalt, weil sich die Menschen wehren wollen.

Aber Gewalt ist auch keine Lösung, wir können und wollen in Frieden leben, aber es gibt immer eine Minderheit auf beiden Seiten, die alles kaputt macht.“

Diesen Satz sollten wir noch ein zweites Mal hören, nämlich auf unserem Rückflug.

Hebron Altstadt

Menschenleere Pufferzone in der Altstadt von Hebron. Im Hintergrund die Siedlung Kirjat Arba, die als eine Hochburg von radikalen Gläubigen gilt.

Erkenntnisse eines Ex-Militärs

Unser Sitznachbar im Flieger nach Deutschland war ein ehemaliger Offizier der IDF (Israel Defense Force – Israelisches Militär). Und was macht man im Flugzeug auf gar keinen Fall? Man fängt politische Unterhaltungen mit seinen Sitznachbarn an, brisante Themen lässt man aus, man bedenke – das Flugzeug kann man mal eben nicht verlassen, wenn es zu brenzlig wird. Also sprachen wir über unsere Reise und natürlich kam man unweigerlich an politischen Themen nicht vorbei. Aber siehe da, es waren ganze 5 Stunden an bereichernden Gesprächen und einer Einsicht, die wir gerade von einem ehem. hohen Tier des IDF wohl nicht erwarten hätten. Auch er erzählte uns irgendwann, dass er die Nase von der Politik voll hat, der Gewalt und der Religion, die in ihren extremen Ansätzen immer wieder zu diesen Problemen führt. Er habe arabische Nachbarn und es sind die besten Nachbarn und Freunde die es gibt. In der Schule seiner Kinder sind Muslime, Christen und Juden…kein Problem. Auch seine Freunde haben wiederum gemischte Freundeskreise, die sich gegenseitig respektieren und bereichern. Alle möchten nur friedlich zusammenleben. Und da fiel er wieder, der Satz, den wir schon von unserem palästinensischen Guide gehört hatten.

Die Welt ist bunt und das ist auch gut so

Egal mit wem wir uns auf unserer Reise unterhielten, eines haben wir gelernt und mitgenommen: wer die Welt Schwarz-Weiß betrachtet, der wird nie in Frieden leben können, egal wo auf dieser Welt, denn er wird immer von seiner Meinung und seinen Ansichten so sehr überzeugt sein, dass er sich allem anderen verschließt. Kulturen können von einander lernen und sich bereichern, wenn sie sich gegenseitig respektieren. Es kann doch eigentlich nicht so schwer sein, oder? Zumindest in der Theorie….

Der Konflikt zwischen Israel und dem Westjordanland wird so lange weiter existieren, so lange es Fanatiker auf beiden Seiten gibt, die ihren Glauben als das einzig Wahre ansehen und dafür kämpfen.

Die Mehrheit der Menschen sieht die Welt als eine wunderbare bunte Vielfalt, die von einander lernen und profitieren kann. Wir müssen offen sein für den Dialog, und die Kommunikation nicht zu einem Wettbewerb des Schreiens machen, nur so wird man die radikalen Elemente auf beiden Seiten bekämpfen – Gewalt ist keine Lösung sondern führt nur zu mehr Gewalt.

In den Medien wird viel zu häufig übertrieben und somit Hass geschürt. Ob es nun den Israel-Palästina Konflikt betrifft, oder die „Flüchtlingskrise“ in Deutschland. Wir sollten uns immer selber ein Bild machen bevor wir urteilen. Die große Mehrheit der Menschen will in Frieden leben, ist aufgeschlossen gegenüber Fremden und verurteilt Hass und Gewalt. Wir sollten dieser Mehrheit eine stärkere Stimme geben.

Mauer Israel und Westjordanland

„Wall Art“ an der Mauer zwischen Israel und dem Westjordanland.

Ich wünsche Israel und dem Westjordanland endlich Frieden, denn die Menschen wünschen sich nichts anderes, als nach all der Zeit zur Ruhe zur kommen.

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9 Kommentare

  • Antworten
    Barbara
    7. Dezember 2017 an 21:12

    Hallo Miriam,
    Reisen verändert einen, jedes Mal! Das ist mit das, was ich am Reisen und an Kontakten zu anderen Menschen unterwegs und an Erlebnissen dort so mag. Mit Israel ging es mir ähnlich, dass mich diese Konflikte und die Art, wie die Menschen damit umgehen, sehr beeindruckt hat. Ich habe mich dort übrigens auch sehr sicher gefühlt.
    Danke für Deinen schönen Beitrag!
    Liebe Grüße
    Barbra

  • Antworten
    Tina
    6. Dezember 2017 an 14:23

    Ein unglaublicher toller Artikel! Auch ich habe die Erfahrung gemacht, dass mich jede Reise ein Stück weit verändert und ich finde es schade, dass mache Menschen irgendwo hinreisen, ohne auch nur einmal die Hotelanlage zu verlassen, um sich mit dem Land und den Menschen zu beschäftigen.

    • Antworten
      Miriam
      6. Dezember 2017 an 16:50

      Ja, das kann ich auch immer nur sehr sehr schwer verstehen und ich finde es auch sehr schade. Schlimmer noch, wenn man dann meint sich ein Urteil über das gesamte Land und die Leute machen zu können!
      Lg Miriam

  • Antworten
    Ha Duy Asiatica
    6. Dezember 2017 an 8:11

    Ein super Beitrag über Tel Aviv. Ist die Situation hier noch sicher? Ich sehe viele Polizisten :-0-

    • Antworten
      Miriam
      6. Dezember 2017 an 16:44

      Also ich habe mich lustigerweise nirgendwo sicherer gefühlt als in Israel!
      Lg Miriam

  • Antworten
    Selda Eigler
    3. Dezember 2017 an 8:08

    Liebe Miriam,
    was für ein toller Artikel. Wie Recht du hast. Reisen verändern uns immer wieder. Was Kulturen, Religionen und Bräuche angeht, bin ich sehr offen. Das ist auch Grundvoraussetzung um in der Welt rumzureisen. Von jeder Reise kommen wir mit vielen Eindrücken zurück. Aber auch mit sehr vielen Fragen und mit noch mehr Bedauern, dass manches doch anders viel schöner und einfacher wäre. Wie gut du deinen Bericht erfasst hast. Ich denke, dass ich bei diesem Ziel genauso oder ähnlich empfunden hätte.
    Liebe Grüße, Selda.

  • Antworten
    PROJEKT 360: UM DIE WELT, ZU DIR SELBST | 7 KONTINENTE
    1. Dezember 2017 an 13:22

    […] Israel und Westjordanland: Miriam von NorthStarChronicles […]

  • Antworten
    Lisa
    30. November 2017 an 9:00

    Toller Artikel, Miriam! Ich kann mir sehr gut vorstellen, dass eine Reise nach Israel zum Nachdenken bringt und einen ein Stück weit verändert. Seit meiner Jugend habe ich dutzende Bücher über den Nahostkonflikt und die Geschichte von Israel und Palästina verschlungen – aber jetzt möchte ich endlich auch hinreisen! Aus deinem Beitrag wird so deutlich: erst wenn du vor Ort mit Menschen sprichst, kannst du eigentlich richtig verstehen!
    Liebe Grüße, Lisa

    • Antworten
      Miriam
      6. Dezember 2017 an 16:47

      Liebe Lisa,
      das war bei mir ähnlich, ich habe mich auch immer sehr dafür interessiert! Israel ist so ein tolles Land (ganz zu schweigen von dem leckeren Essen), und ich kann Dir eine Reise dorthin wirklich nur ans Herz legen. Auf jeden Fall solltest Du aber auch die andere Seite der Mauer besuchen!
      Lg Miriam

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