Namibia

Von tanzenden Spinnen und Käfermüsli

Irgendwie habe ich ein Déjà-vu. Ich ziehe den Reißverschluss meines Fleecepullovers hoch und damit den Kragen der Jacke halb übers Gesicht. Ein feiner Sprühnebel weht uns entgegen und ich merke, wie ich leicht die Schultern nach oben ziehe, denn es fröstelt mich. In Namibia.

Gestern kamen wir aus dem 40°C heißen und trockenen Sesriem in das rund 20°C „kalt“ feuchte Swakopmund an der Atlantikküste. Der fischreiche Benguelastrom kühlt das Klima hier soweit herunter. Der Nebel, der sich hier bildet, ist überlebenswichtig für alle Bewohner der Wüste, wie wir später noch erfahren werden.

Mit seiner Architektur sieht Swakopmund wie ein deutsches Ostseebad aus. Und genau so fühle ich mich gerade. Würden hier nicht ein paar Palmen stehen, wäre ich gerade gefühlt in Schabeutz an der Norddeutschen Ostseeküste.

Das was die meisten Touristen in Afrika sehen wollen, sind die „Big five“, die großen fünf des afrikanischen Tierreiches: Elefant, Löwe, Büffel, Leopard und Nashorn. Aber es kommt doch nicht immer auf die Größe an, oder? Die großen fünf kann man mit dem ungeübten europäischen Großstadt-Auge auch selber finden, aber die „little five“, die kleinen fünf? Nie im Leben.

Die Peringueyotter (Seitenwinderschlange)


Wir stehen mitten in den Sanddünen der Namib hinter Swakopmund. Unser Guide bittet uns einfach stehen zu bleiben, er würde nach dem ersten Tier suchen und uns dann Bescheid sagen. Was zunächst fast ein wenig plump daher kommt, macht Sinn, denn wenig später heißt es „Kommt her! Seht ihr die Schlange?“ Stille. Sechs Europäer starren in den Sand. Nichts. Erst als der Guide mit seinem Stock direkt auf die im Sand eingegrabene Peringueyotter (Seitenwinderschlange) zeigt, geht ein stilles „Aaahhh“ durch die Gruppe. Die Seitenwinderschlangen haben ihren Namen von ihrer Seitwärtsbewegung mit der sie über den heißen Wüstensand gleiten. Dabei berührt immer nur ein kleiner Teil ihres Körpers den heißen Sand. Das sie jetzt aus ihrem kühlen Versteck ausgegraben wurde findet sie natürlich nicht so fein, und so gleitet sie ziemlich schnell die Düne hinunter und verschwindet dank einiger flinker Körperbewegungen wieder unter dem Sand. Was an der Oberfläche zurückbleibt ist ein für uns nur schwer zu erkennendes strudelartiges Muster im Sand. Die Sidewinder Schlange ist übrigens giftig und wir verstehen nun alle sehr gut, warum wir einfach mal stehen bleiben sollten bis der Guide uns ruft.

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Radspinne („White Dancing Lady“)


Zugegeben, der nächste Wüstenbewohner steht in meiner Sympathieliste nicht gerade ganz oben. Ich hab´s nicht so mit Spinnen.

Die „White Dancing Lady“ oder auch Radspinne genannt, lebt Gott sei Dank nicht direkt unter der Sandoberfläche, sondern gräbt sich bis zu 40 cm in den Wüstensand ein. Daher ist die Gefahr mal kurz drauf zu treten nicht so groß. Sie gräbt einen schmalen Tunnel in den Sand und verharrt dort bis zur Nacht um zu jagen. Beim Graben ihres Baus kann sie bis zu beeindruckenden 10l Sand bewegen, was das 80.000 fache ihres Körpergewichtes beträgt. Beim Ausgraben muss man vorsichtig sein, denn das nachtaktive Tier schießt aus seiner Höhle hervor und verharrt geblendet vom Tageslicht für kurze Zeit. Die Spinne rollt sich, um Feinden zu entkommen, mit 40 Umdrehungen pro Sekunde die Düne herab. Da kommt erst einmal kein Fressfeind hinterher. Sollte am unteren Ende der Düne doch noch ein hungriger Feind warten, kann die Spinne noch ihren Tanz aufführen in dem sie abwechselnd ihre Beine hebt. Dadurch erscheint sie größer. Auch bei uns führt dieser Tanz zu einem respektvollen Abstand. Selbst wenn der Achtbeiner und ich nie dicke Freunde werden, so hat sie es doch geschafft mich zu faszinieren und ihre Art vielleicht in Zukunft ein wenig interessierter zu betrachten.

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Die Anchietas-Wüsteneidechse und der Palmatogecko gehören dann wieder zu der „oh wie niedlich“-Fraktion. Während sich der Palmatogecko tagsüber lieber in den Sand der Wüste eingräbt, ist die Wüsteneidechse tagaktiv. Beide sind endemisch in der Namib beheimatet, das heißt, sie kommen nur hier in dieser Wüste vor und sonst nirgendwo.

Der Palmatogecko


Der Gecko gehört eher zu den etwas ruhigeren Vertretern, die sich auch mal von Hand zu Hand weiterreichen lassen. In Notzeiten kann er sich den auf seinen Augen kondensierenden Nebel mit seiner langen Zunge ablecken und bekommt so die lebensnotwendige Feuchtigkeit. Die Zehenflossen an seinen Füßen funktionieren wie Schneeschuhe und geben ihm im tiefen Sand Halt. Was mich am Palmatogecko am meisten fasziniert hat, ist seine pergamentartige Haut. Sie ist so dünn, dass man sogar die Blutgefäße sehen kann. Daher ist es nicht verwunderlich, dass er nachtaktiv ist. Unser Guide achtete stets darauf, dass er den Winzling nur kurz ans Tageslicht holte und ihm Schatten spendete damit er nicht überhitzt und seine Haut nicht verbrennt.

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Anchietas-Wüsteneidechse


Die flinke Wüsteneidechse hat es uns nicht leicht gemacht, und so ganz glücklich sah sie auch nicht aus, als unser Guide sie zwischen den Fingern hielt.

Damit auch sie nicht im heißen Wüstensand verbrennt, hebt sie abwechselnd immer zwei Beine hoch. Das bewirkt kühle Füße und verhindert, dass die Hitze des Sandes den Körper erreicht.

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Tok-Tokkie


Mit einem Einwohner der Wüste macht im Laufe der Reise wohl jeder Bekanntschaft. Es ist der Tenebrio-Käfer oder auch Tok-Tokkie genannt. Insgesamt gibt es in Nambia rund 200 Arten von ihnen. In der Namib findet sich häufig der nebelbadende Käfer (Onymacris unguicularis).

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Sobald es neblig wird, stellt sich der fette schwarze Kerl hin und streckt sein Hinterteil in Richtung Himmel. Dabei sammelt sich dann der Nebel in Form von kleinen Wassertröpfen an seinen Beinen und an seinem Hinterleib und läuft ihm geradewegs ins Maul. So besäuft er sich morgen für morgen mit Wasser, welches rund 40% seines Körpergewichtes ausmacht. Was für ein Käferleben. Ernähren tun diese Gesellen sich von vom Wind herbeigewehten Pflanzenmaterial, auch Käfermüsli genannt. Da auch er keine Lust hatte sich die Füße zu verbrennen war er so schnell unterwegs, dass niemand mit der Kamera so recht hinter her kam. Daher gibt´s nur eine kleine Zeichnung aus meinem Reisetagebuch.

Allerdings wird der Käfer auch gerne selber zum Müsli, nämlich wenn er auf ein Chamäleon oder auf unseren Guide trifft, der die Käfer gerne einsammelte um das Chamäleon damit zu füttern.

Das Wüstenchamäleon


Im Gegensatz zu anderen Chamäleons auf der Welt bewegen sich die Exemplare in der Namib außergewöhnlich schnell. Wahrscheinlich wird es auch ihnen zu heiß unter den Füßen. Sie werden bis zu 30 cm lang und ihre Zunge kann die doppelte Länge erreichen, wie wir eindrucksvoll sehen konnten.

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Die „Big Five“ zu sehen ist jedenfalls leichter, die „Kleinen Fünf“ der Wüste sieht man nur mit der Hilfe des geschulten Blickes eines Guides! Die Wüste ist lebendig, auch wenn wir es mit unseren Augen nur schwer wahrnehmen können. Das hat mir mal wieder gezeigt, dass es sich lohnt auch in einer grandiosen Landschaft den Blick nicht nur in die Ferne schweifen zu lassen, sondern auch zu schauen, was direkt um meine Füße herum passiert.


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