Island

Das einsame Ende der Welt

Der eiskalte Wind schneidet mir ins Gesicht. Dunkle Wolken ballen sich zusammen. Lassen hier und da Sonnenstrahlen hindurch. Das Licht verändert die Landschaft mit jedem Augenblick. Unwirklich grün leuchten das Moos und die Flechten auf dem schwarzen Lavagestein. Sie kämpfen, versuchen im Wind Halt zu finden, nicht davon gerissen zu werden. Nichts bietet ihnen Schutz vor dem Wind und dem Regen. Und doch schaffen es die zarten Pflanzen zu überleben. Sie schaffen es dieser Landschaft Leben zurückzugeben. Das Leben, welches ihnen einst genommen wurde.

Island Pflanze

Island PflanzeTrotz des Windes der unbarmherzig weht, der Regen, der durch die dunklen Wolken vom Himmel fällt, ist es still. Niemand ist zu sehen.

Berge am Horizont, in einen Schleier aus blau-grauem Regen gehüllt. Der Sonnenstrahl wandert über die Landschaft, wandert über die aufgerissene Erdkruste. Er will mir zeigen was passiert ist, taucht jeden Krater in ein dramatisch leuchtendes grün-schwarz.

Island Laki-Krater

Es ist als schaue ich in die Vergangenheit. Ich stehe auf dem Laki-Krater und blicke über die Welt. Bin ich alleine? Gibt es die Welt noch? Egal in welche Richtung ich mich wende, niemand ist da. Die Kraterreihe erstreckt sich vor und hinter mir bis zum Horizont. Die Welt könnte untergehen und ich würde hier nichts davon mitbekommen.

Es ist dieser perfekte Ort.

Ich schließe die Augen und reise zurück. Ich stelle mir vor, wie es war, im Jahre 1783 als hier die Erde aufbrach. Es war kein normaler Vulkanausbruch.

Der Druck war zu groß. Die Erde öffnete sich auf einer Länge von 25 km. All die Energie die bis dahin schlummerte, erwachte und wurde freigesetzt. Glutrote Lavaströme ergossen sich über acht Monate lang über die Landschaft. Bis zu 1000 m hohe Lavasäulen schossen gen Himmel. Der benachbarte mächtige Fluss, den wir heute mit dem Auto durchquert hatten, verdunstete damals vollständig innerhalb von drei Tagen nach dem Ausbruch.

Aschewolken wurden in den Himmel geschleudert, verdunkelten die Sonne. Eine gigantische und todbringende Feier der Natur. Wie mag es ausgesehen haben hier an dieser Stelle vor 233 Jahren, als sich hier die Erde auftat? Niemand weiß es, niemand hat hier direkt gelebt.

Island Laki-Krater

Die Folgen des Ausbruches waren gravierend, nicht nur für die Menschen hier auf Island. Das Weltklima änderte sich. Kurze dunkle Sommer und kalte Winter, Missernten und Massensterben von Vieh und Vegetation in Island und dem europäischen Festland folgten. Ein Viertel der isländischen Bevölkerung starb an den Folgen dieser Naturkatastrophe.

Manche Wissenschaftler gehen davon aus, das der Ausbruch des Lakagígar, das sich dadurch veränderte Weltklima und die Missernten die in den Jahren daraus folgten, sogar zur französischen Revolution geführt haben.

Island Laki

Ich öffne die Augen, komme wieder in die heutige Welt zurück und bin fasziniert. Fasziniert von dieser gewaltigen Landschaft, diesem (immer noch aktiven) Vulkan, dieser Urgewalt. Die Kraft der Natur lässt uns dagegen klein und unbedeutend erscheinen.

Es gibt sie, diese perfekten Orte, die etwas in Dir auslösen, Dich zu tiefst bewegen. Die Dich kaum fassen lassen, was Du siehst.

Für mich liegt einer dieser Ort hier, in der unwirklichen Landschaft des Lakagígar. Kein weißer Sandstrand, keine Palmen, keine 30 Grad. Raue, unbändige Natur, unwirkliche Farben aus Schwarz und neon-grün. Goldene Sonnenstrahlen, die durch dunkle Wolken brechen und die Landschaft in ein mystisches Szenario tauchen. Als wolle Dir die Welt an dieser Stelle zeigen, zu was sie fähig ist. Die Welt ist vergänglich, sie verändert sich ständig.

Der Vulkan nimmt das Leben, verändert die Welt, und schafft wieder Raum für Neues. Seit Millionen von Jahren ein niemals endender Zyklus.

Die Natur Islands macht hier überall klar, dass sie den Menschen nicht braucht. Man könnte meinen, sie erlaubt es ihm hier unter Vorbehalt zu existieren. Ein Ort, der Paradies und Hölle zugleich ist, der gegensätzlicher nicht sein könnte.


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2 Kommentare

  • Antworten
    Nicole
    2. Februar 2017 an 8:24

    Wunderschöne Bilder und eine beeindruckende Geschichte! Eigentlich stand Island bisher nicht so auf meiner Liste, aber vielleicht werde ich mir das doch mal angucken … 🙂

    • Antworten
      Miriam
      2. Februar 2017 an 8:59

      Liebe Nicole,
      Island ist immer eine Reise wert! Es wird Dich umhauen!
      Lg Miriam

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