Museen Namibia

Authentizität auf Reisen: Die Ju/´Hoansi-San in Nambia

Das Thema „Authentizität auf Reisen“ hat mich schon öfter beschäftigt. Das was wir als westliche Reisende sehen und erleben wollen soll authentisch, also „original“ sein. Wir alle haben immer ein bestimmtes Bild von einem Ort, einem Land oder einer Kultur vor unserem geistigen Auge. Dieses Bild ist durch die Medien und Reiseprospekte geprägt, um uns ein authentisches (was auch immer das für jeden einzelnen bedeuten mag) Reiseerlebnis zu versprechen.

Ulrike vom Bambooblog fragt in der aktuellen Blogparade nach „Authentizität auf Reisen“ und hat schon zahlreiche Meinungen dazu von anderen Reisebloggern bekommen. Da es ein sehr vielfältiges Thema ist, möchte ich mir im Rahmen dieser Blogparade einen Aspekt herausgreifen und frage mich „wieviel von der von uns verlangten Authentizität tut denn der lokalen Bevölkerung im Reiseland eigentlich gut?“ Und „kann inszenierte Authentizität auch ein Erfolgsrezept sein?

In diesem Artikel möchte ich die Frage nach der „Authentizität auf Reisen“ gerne auf die Kultur der San in Namibia beziehen. Die San waren ursprünglich eine reine Jäger- und Sammlerkultur im südlichen Afrika, deren Ursprung zwischen 10.000 und 25.000 Jahren zurückliegt. Eine andere Bezeichnung für die San sind die „Buschmänner“. Hier ist man sich allerdings nicht ganz einig, ob dieser Begriff eine negative Konnotation enthält.

Tanzweiber Namibia Peter Haller

San Frauen, ca. 1940er Jahre

Die Ansicht, was in unseren Augen wirklich authentisch ist oder sein sollte, ändert sich auch durch die Zeiten hinweg. Bis in die 1950er Jahre wurden die im heutigen Etosha-Nationalpark lebenden San einfach umgesiedelt. Das sie hier seit Jahrhunderten im Einklang mit der Natur lebten, interessierte zu der Zeit niemanden. Sie passten damals einfach nicht in das Bild einer vom Menschen unberührten authentischen Landschaft, die man hier erschaffen wollte.  So schuf man sozusagen Mitte des 20. Jh. ein Afrika ohne seine Bewohner. Heute besinnt man sich auf diese frühen Kulturen zurück, möchte dem Reisenden wieder das echte, das authentische Afrika zeigen. Daher ist die Kultur der San aus keinem Werbe-oder Reiseprospekt mehr wegzudenken. Die Wildnis lässt sich immer gut vermarkten und fremde Kulturen passen heute ebenso ins Konzept.

Viele haben immer noch die romantische Vorstellung des klein gewachsenen „Buschmannes“, dem geschickten Jäger und Sammler. Beim Anblick der Realität wird den meisten dann schnell bewusst, dass die indigenen Kulturen (dies gilt übrigens für viele Länder dieser Welt) häufig die Verlierer der heutigen modernen Gesellschaft sind.

Kein Angehöriger der San läuft heute im Alltag noch mit Pfeil und Bogen, nur mit Lendenschurz bekleidet durch das trockene Buschland um zu sammeln oder zu jagen. Die San leben in einfachsten Verhältnissen. Materielle Gegenstände wie ein Telefon, Computer, Möbel oder gar ein Auto zu besitzen, ist ihnen fremd. Der nächste Supermarkt, die nächste Stadt und die nächste Schule sind mitunter mehrere Autostunden entfernt. Die wenigsten von ihnen haben eine Arbeit um Geld für ihre Familien zu verdienen.

Wohnhaus der San, Namibia

Wohnhaus der modernen Ju/´Hoansi-San in Grashoek für bis zu 8 Personen

moderne San in Namibia

Das Leben findet draußen statt

„Authentizität“ als Chance und Erfolgsrezept?


In einem kleinen Dorf namens Grashoek im Nordosten Namibias ist mit Hilfe einiger Europäer ein „living museum“ (ein lebendiges Museum) entstanden. Hier bringen Angehörige der Ju/´Hoansi- San dem heutigen Besucher ihr traditionelles Leben näher und zeigen ihnen wie sie lange vor dem europäischen Einfluss gelebt haben.

Bushwalk San Living Museum Namibia

Aber ist das nicht alles inszeniert? Ja natürlich. Ich habe dafür bezahlt, dass die San mir zeigen wie man Pfeil und Bogen oder eine Kette aus Straußeneierschale herstellt. In ihrer traditionellen Kleidung, die meist nur aus einem Lendenschutz besteht, streifen sie mit mir auch durch den Busch um mir näher zu bringen, wie ich in der Wüste überleben kann, weil ich sie dafür bezahlt habe. So viel zur ernüchternden Wahrheit. Aber genau diese inszenierte Authentizität ist meiner Meinung nach auch wichtig für die Bereisten selber, denn so mancher Individualtourist, der gerne seiner Vorstellung vom „authentischen Namibia“ nachjagt, poltert gerne mit seinem gemieteten SUV die staubigen Pisten ins gefühlte Niemandsland um versteckte Himba oder San Dörfer zu besuchen. Dabei tritt er von einem Fettnäpfchen ins nächste. Ein respektvoller Umgang sieht anders aus, denn es ist schlichtweg falsch zu denken, dass wir als Reisende immer und überall zu jeder Zeit willkommen sind. Eine Horde fotografier wütiger Touristen möchte man ja auch nicht im eigenen Wohnzimmer haben.

Mit der inszenierten Authentizität eines Himba- oder Sandorfes geben wir den Einheimischen auch die Möglichkeit das Ganze selber zu steuern, und so auch einen Teil ihres Lebens vor fremden Einblicken zu schützen. Das was wir gerne bei fremden Kulturen als authentisch sehen möchten, (also das Bild, welches sich in unseren Köpfen festgesetzt hat) würde in den meisten Fällen bedeuten, dass sich die von uns besuchten Kulturen gar nicht weiterentwickeln dürften! Es passt nicht in unsere Vorstellung z.B. einen Mongolen in seiner Jurte vor dem Fernseher zu betrachten, oder wenn eine Himba Frau in Windhoek, Angry Birds auf ihrem Smartphone spielt. Diese Menschen haben gefälligst in der Wildnis zu leben, so wie sie es schon seit Jahrhunderten tun, denn nur so erfüllen sie unser Bild der Authentizität.

Namibia San Living Museum

Living Museum San Namibia

Die San im lebendigen Museum in Grashoek haben erkannt, dass die Menschen an ihrer Kultur interessiert sind und haben durch diese inszenierte Authentizität die Möglichkeit entdeckt, mit einem kulturellen Austausch (denn der Besucher wird immer mit eingebunden in die Aktivitäten) nicht nur finanziell für ihr Auskommen, und somit auch für die Zukunft ihrer Kinder zu sorgen, sondern auch ihre Traditionen und Bräuche an die junge Generation weiterzugeben. Dadurch kann wiederum ein Abwandern der jungen Generation in die Städte und somit ein vielleicht daraus entstehender Interessenverlust an der eigenen Kultur verhindert werden.

Jäger San Namibia

Der Stammesälteste wirkte am Lagerfeuer sichtlich berührt und schwelgt etwas melancholisch in Erinnerung von der guten alten Zeit, in der die San noch ihr traditionelles Leben hatten und jagen durften.

Auch wenn es ihm schwerfällt, so hat auch er erkannt, dass vermutlich der einzige Weg, die Zukunft seiner Kultur zu retten, in der inszenierten Authentizität seines Volkes gegenüber den Reisenden liegt.


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7 Kommentare

  • Antworten
    Esther
    22. Juli 2017 an 8:42

    Ein wirklich toller und ehrlicher Beitrag!
    Ich kann Deine Meinung nur teilen 🙂

  • Antworten
    Wibke
    15. Juni 2016 an 19:26

    Ein richtig toller Beitrag, den du da zum Thema „Authentizität auf Reisen“ verfasst hast. Ich finde den Gedanken, dass die Ju/Hoansi-San das Ganze durch diese inszenierte Authentizität selbst steuern können, sehr gut. Auf den Gedanken wäre ich slebst nicht gekommen, aber je mehr ich darüber nachdenke, umso logischer erscheint mir diese Theorie. Was nun authentisch ist oder nicht muss wohl jeder Reisende für sich slebst entscheiden, reflektieren und vielleicht überdenken, aber deinen Ansatz finde ich wirklich super. Danke für den tollen Input.

    Liebe Grüße,
    Wibke

    • Antworten
      Miriam
      15. Juni 2016 an 19:55

      Liebe Wibke,
      vielen Dank für den Zuspruch. Ich denke auch, dass jeder für sich entscheiden sollte, was er als authentisch empfindet und was nicht. Es sollte aber nie zu Lasten der eigenen Identität (des Bereisten) gehen.
      Vielen Dank für´s vorbeischauen.

  • Antworten
    Isabella
    15. Juni 2016 an 8:57

    Ein sehr starker Beitrag! Diesen Aspekt des „selbst steuern könnens“ für die Einheimischen, die da „beguckt“ werden finde ich ganz wichtig! Für viele Reisende zählt aber nur das „gratis“-Erlebnis als authentisch. Oft habe ich daher im Gespräch mit anderen Individualreisenden das Gefühl, dass ihre Jagd nach authentischen Erlebnissen sie schnell vergessen lässt, dass es nur natürlich und fair ist, wenn gerade arme Bevölkerungsgruppen von den Fremden auch finanziell profitieren wollen. Es würde ja auch kein Münchner, Berliner oder sonstwer seine Wohnung auf Airbnb stellen ohne dafür Geld kassieren zu wollen. …

    • Antworten
      Miriam
      15. Juni 2016 an 19:43

      Liebe Isabella,
      danke für Deinen Kommentar. Ich fand es auch keineswegs verwerflich, für Leistungen, die ich bekomme zu bezahlen. Ich denke, die einzige Möglichkeit um wirklich authentisch zu reisen ist, wenn man einige Zeit in dem entsprechenden Land selber lebt, so wie Du es auch beschrieben hast. Nur dann erschließt sich einem auch das „authentische“ des jeweiligen Landes.

  • Antworten
    Blogparade: Authentizität auf Reisen: Was ist das eigentlich?
    11. Juni 2016 an 14:53

    […] Afrika ist das Thema von Miriam vom Blog North Stars Chronicles. Am Beispiel des Volkes der San in Namibia zeigt sie auf, wie sinnvoll auch eine für Touristen inszenierte Authentizität sein kann. „Das was wir gerne bei fremden Kulturen als authentisch sehen möchten, (also das Bild, welches sich in unseren Köpfen festgesetzt hat) würde in den meisten Fällen bedeuten, dass sich die von uns besuchten Kulturen gar nicht weiterentwickeln dürften! „, schreibt sie und stellt dar, was sie damit meint. Authentizität auf Reisen: die Ju/’Hoansi-San in Namibia […]

  • Antworten
    Ulrike
    11. Juni 2016 an 14:41

    Wow! Ich bin sehr beeindruckt von Deinem so reflektierten Beitrag! Du bringst ganz neue, gut argumentierte Aspekte in die Diskussion.
    Ganz herzlichen Dank!
    Liebe Grüße
    Ulrike

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